Kritiken


Ein angeschossener Kommissar und Penny Lane im Nebel

Düstere Kriminalgeschichte mit akademischem Anspruch und autobiografischen Szenen


Von Juliane Wiedemeier

Es ist ein düsteres Braunschweig, das Klaus Nührig in seinem neuen Krimi "Penny Lane" zeichnet. Dunkle Ecken, gewalttätige Typen und immer wieder Nebel - manchmal wünscht man sich fast, Krimis dürften nur in Städten spielen, in denen man sich nicht immer mal wieder aufhalten muss. Der Roman beginnt mit einem Schuss. Hauptkommissar Berner wird vor seiner Haustür angeschossen, wie bereits zehn Jahre zuvor. Ein Täter konnte damals nicht ermittelt werden, doch nun übernimmt Anne Wegner den Fall.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Steindamm gräbt sie in der Geschichte, in den 1970er Jahren, in denen Berner seinen Wehrdienst verübte. Dort traf er auf den Mann, den er nun als Täter ansieht: Dirk Meiners. Der ist mittlerweile erfolgreicher Teilhaber einer Computerfirma und scheint auf den ersten Blick alles andere als verdächtig.

Statt brutal und antisemitisch, wie ihn Berner beschreibt, wirkt er fast gemütlich und intellektuell als eifriger Leser Hermann Hesses. Der, wie man es von einem Deutschlehrer als Autor fast erwartet, neben anderen Schriftstellern eine tragende Rolle spielt. Erst allmählich kommen Zusammenhänge ans Tageslicht: Streitigkeiten um eine Prostituierte des Bordells "Penny Lane", das Berner und Meiners während ihres Wehrdienstes regelmäßig aufsuchten.

Nührigs Charaktere sind widersprüchlich und ausgearbeitet. Die Geschichte wird im stetigen Wechsel aus allen Perspektiven beleuchtet, so dass keiner von ihnen als Hauptperson hervortritt. Obwohl man erfährt, was mit vermeintlichen Tätern und Opfern gerade geschieht, geht die Spannung nicht verloren, denn offen bleiben bis zum Schluss die Motive, die die einzelnen antreiben. Die Stärken des Buches sind die Dialoge. Dort merkt man die Erfahrung des Hörbuchautors Nührig. In den erzählenden Teilen verliert er sich gerne in Details und Metaphern, die zu episch wirken für einen Krimi, aber wohl dem Anspruch, große Literatur verfassen zu wollen, geschuldet sind. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Thematisch erscheint die Mischung aus Leben in der Kaserne, Polizeialltag, Rotlichtmilieu, Antisemitismus und der Auseinandersetzung mit der RAF fast ein wenig zu überladen. Vorwissen wird vorausgesetzt. Wer sich vor großen Themen nicht fürchtet und keine Angst vor nebligen Ecken hat, sollte ruhig zugreifen.

Klaus Nührig liest am Donnerstag, 30. April, um 19.30 Uhr in der Peiner Buchhandlung Gillmeister an der Fußgängerzone aus "Penny Lane".
Braunschweiger Zeitung, Peine, 11. April 2009, Seite 54